Vocal Cord Dysfunction - was ist das?

Das ist VCD ! Das Gefühl der Kehlkopf schnürt sich plötzlich zu, als habe man einen Knoten im Hals. Keine noch so heftigen Versuche Luft zu holen kommen gegen den Widerstand an. Man möchte um Hilfe schreien und kann nicht. So plötzlich wie sich der Hals zuschnürte geht der Anfall vorbei. Der "Knoten" löst sich, die "Klappe" geht auf. Man kann wieder atmen. Die Luft kann wieder in die Lunge.

AB

Die Zeichnung zeigt das Aussehen der Stimmbänder bei der Einatmung (A) eines gesunden Menschen und (B) bei einem Patienten mit VCD. Man kann gut den paradoxen Verschluss der Stimmbänder (B) erkennen. Charakteristisch ist die mit einem Kreis gekennzeichnete, diamantförmige Spalte. (Quelle: Mayo Foundation)

 

 

Ist Asthma durch Aerosolsprays und Cortison behandelbar, wirken diese bei VCD nicht. Das vermeintliche Asthma kann mit den üblichen Mitteln nicht behandelt werden. Oft haben VCD Patienten, bis zur richtige Diagnose, eine jahrelange Odyssee hinter sich.

 

 

Die indirekte Betrachtung des Kehlkopfes mit einem Spiegel ist die einfachste Art der Laryngoskopie. Um sich den Kehlkopf und die Stimmbänder genauer anzuschauen, kann auch ein dünnes, flexibles Fiberendoskop mit Glasfaseroptik durch die Nase in den Rachenraum eingeführt werden.

 

 

Vase oder Gesicht oder beides? Asthma oder VCD oder beides? VCD hat viele Gesichter. Die unterschiedlichsten Ursachen und Auslöser führen zu einer Atemnot. Dementsprechend kompliziert und aufwendig ist eine Differentialdiagnose.

 

 

An einer VCD kann man nicht sterben. Spätestens wenn man bewußtlos geworden ist, enspannt sich der Krampf und man kann wieder einatmen. Bei Tauchern kann eine Bewußtlosigkeit aufgrund eines Laryngospasmus jedoch tödlich sein. Sobald sich der Körper und die Stimmbänder in der Ohnmacht entspannen, dringt Wasser in die Lunge ein. Ohne Hilfe ertrinkt der Taucher.

 

 

Vocal Cord Dysfunction (VCD, Stimmbandfehlfunktion): Die Physis (Körper) und die Psyche (Geist/Seele) ziehen an den Stimmbändern bis die Luft wegbleibt.

 

 

Keiner findet was. Die Messgeräte zeigen nichts Auffälliges an. Untersuchungen enden mit Achselzucken. Einwände, man empfindet die plötzliche Atemnot als lebensbedrohlich, stossen auf Unverständnis. Letztlich ist alles "nur" psychisch und man ist halt ein bißchen überempfindlich oder hysterisch. Ist die Wahrnehmung des Arztes für die Symptomatik geschärft, ist es für einen erfahrenen Mediziner relativ einfach, nach eingehender Anamnese, ein VCD von einem Asthma zu unterscheiden.

Das VCD oftmals einfach nicht erkannt oder ignoriert wird, bestätigt die Aussage eines niedergelassenen Arztes und ausgewiesenen Experten für VCD (einer der wenigen in Deutschland): "Ich bin doch erstaunt darüber, wie viele Patienten mit starken Verdachtsmomenten in einer pneumologischen Praxis erscheinen und bin mir sicher, dass dies nur die Spitze eines Eisberges ist. Aufklärung tut hier Not."

 

VCD ist weder ein "modernes" noch "eingebildetes" oder gar "erfundenes" Krankheitsbild, sondern ein lange Zeit "ignoriertes". Es gibt keine große, finanzstarke Lobby, welche Interesse an der Erforschung und Bewerbung dieses Phänomens hat. Das macht die Anerkennung und die Öffentlichkeitsarbeit schwierig. Oder um eine große Pharmafirma zu zitieren: "Da die Therapie von Vocal Cord Dysfunction nicht-medikamentös erfolgt, sehen wir leider keine Basis für eine Zusammenarbeit."

Als Vocal Cord Dysfunction (VCD) wird eine Stimmbandfehlfunktion bezeichnet, bei der sich die Stimmbänder von einem Moment zum nächsten verkrampfen und verschliessen. Diese plötzlich auftretende Schlussbewegung führt zu einer anfallartigen Atemnot. Oftmals geht dem Krampf und Verschluss ein Hustenanfall voraus.

Bei einem maximalen Krampf ist die Stimmritze bis auf eine kleine Öffnung geschlossen. Die Luftnot reicht, je nach Stärke des Krampfes, von schwerem Einatmen bis hin zum Gefühl des Erstickens mit Todesangst. Medizinisch gesehen steht immer noch Luft zur Verfügung. Jedoch das subjektive Empfinden ist eine massive Atemnot.

Eine plötzliche Luftnot ohne erklärbaren Grund macht enorme Angst. Panikartig versucht man einzuatmen und verzweifelt Luft zu ziehen. Dadurch wird die Verkrampfung verstärkt und die Atemnot wird noch schlimmer.

Folgende Anzeichen erhärten den Verdacht auf VCD:
  • Auftreten heftiger, teils lebensbedrohlich erlebter Atemnot von einem Moment zum andern,
  • Atemnot oft nach Hustenanfällen
  • spontanes Nachlassen der Atemnot
  • Kratzen im Hals, Kloßgefühl, Engegefühl im Hals, häufiges Räuspern, Heiserkeit,
  • auffällig gute Lungenfunktionsbefunde,
  • Asthmamedikamente helfen kaum oder garnicht.

Eine anfallsartige Atemnot gilt als klassisches Indiz für Asthma bronchiale. Die Auslöser bei VCD sind ähnlich wie bei Asthma: Düfte, kalte, warme, feuchte, schlechte Luft, Zigarettenrauch, Parfüms, körperliche Belastung und allergene Einflüsse.

Eine Stimmbandfehlfunktion tritt auch in Kombination mit Asthma bronchiale auf. Das Erkennunen der Krankheit wird nicht zuletzt dadurch verkompliziert, dass durch das plötzliche Nachlassen des Krampfes nicht eindeutig zu definieren ist, ob das Asthmamittel geholfen hat oder sich der VCD-Krampf gelöst hat.

Forschungen lassen den Schluss zu das 5% der vermeintlichen Asthmatiker VCD haben. 20 - 40% der therapierefrektären (schweren, kaum beherrschbaren) Asthmatiker leiden begleitend zu ihrer Asthma bronchiale an VCD.

Schon 1842 wurde eine funktionelle Störungen des Larynx (Kehlkopf) durch Dunglison beschrieben. Damals nannte man dieses Phänomen "hysterischer Croup".

1869 gelang erstmals die Darstellung des Stimmbandkrampfes mittels eines Laryngoskops. Mackenzie sah bei Patienten mit einem Stridor den paradoxen Verschluss der Stimmbänder. Er beschrieb das Phänomen als "vorwiegend während der Einatmung vorkommender, krampfartige Stimmbandschluss".

Osler definierte 1902 diesen Zustand als "Krampf des Kehlkopfmuskels".1974 prägte Patterson den Begriff "Münchhausen's Stridor" (Siehe hierzu Münchhausen-Sydrom im Psychrembel). In einigen Aufsätzen wird diese Art der Atemnot auch als "factitious stridor" (künstlicher Stridor) bezeichnet.

Die intermittierend funktionelle Stimmlippenbewegungsstörung galt lange Zeit als ein Symptom bei hysterischen Patientinnen oder bei Menschen mit enormen Stress. Es wurde, aus Mangel an Kenntnissen über mögliche organische Ursachen, nur auf der psychologischen Ebene verhandelt.

Erst zu Beginn der 1980er Jahre stellte man im National Jewish Medical and Research Center in Denver (USA) systematisch Zahlen über dieses Phänomen zusammen. Die Forscher begannen zu realisieren, dass nicht nur psychische Ursachen, sondern auch organische Gründe für das Ausbilden einer paradoxen Stimmbandstörung verantwortlich sein können.

Fortan wurde das Krankheitsbild Vocal Cord Dysfunction (VCD) genannt und hat sich in der internationalen pneumologischen Diskussion etabliert. VCD hat den ICD-Code J38.7.

In Deutschland befasst man sich erst seit Anfang der 1990 mit VCD. Dr. Klaus Kenn bemerkte während einer der Bronchoskopie, dass sich der Schlauch, aufgrund der extrem verengten Stimmritze, nur schwer herausziehen lies. Sensibilisiert für dieses Phänomen, begegneten ihm in der folgenden Zeit immer wieder Patienten, deren Asthma kaum oder garnicht auf die üblichen Medikamente und Therapien ansprach. Seither befasst er sich mit Ursache, Diagnose und Therapie von Vocal Cord Dsyfunction.

Es finden sich in wissenschaftlichen Abhandlungen verschiedene Bezeichnungen für das Phänomen intermittierender, Atemnot induzierender funktioneller in- oder exspiratorischer Laryngospasmus.

So wird VCD auch als Paradoxical Vocal Cord Motion (PVCM), Paradoxical Vocal Cord Dysfunction (PVCD), Upper Airway Obstruction, Stimmbandfehlfunktion, Verengung der oberen Atemwege, paradoxe Stimmbandbewegungsstörung, funktionelle intermittierende paradoxe Stimmlippenadduktion.... in der Literatur beschrieben.

Das Verkrampfen der Stimmbänder ist auch bekannt als spasmodische Dysphonie (Stimmbandkrampf), wobei hier die Atmung nicht (kaum) eingeschränkt ist. Ähnlichkeit hat VCD auch mit dem Pseudokrupp bei Kindern.

In (HNO-) Fachkreisen werden noch weitere Formen von Stimmbandfehlfunktionen diskutiert: funktioneller Laryngospasmus, paradoxe Stimmbandfehlfunktion, Stimmbandparesen, hyperfunktionelle Dysphonien,
hypofunktionelle Dysphonien, Sensibilitätsstörungen der Stimmbänder, Abduktorenlähmung, laryngeale
Dysfunktion der Stimmbänder, Gerhardt-Syndrom...

Unter Tauchern und in der Notfallmedizin kennt man den Larygospasmus (Stimmritzenkrampf). Der dort bekannte Laryngospasmus ist als eine natürliche Schutzreaktion für die Lunge vor Fremdkörpern oder reizenden Stoffen (Wasser, Speisebrei, Reizgas) zu verstehen.

Wie man schon an der Definitionsvielfalt sieht, ist VCD ein nicht leicht zu fassendes Krankheitsbild.

Atemnot kann viele Gründe haben. Ob die Ursache in einer VCD liegt, kann erst durch eine Larygoskopie bzw. Endospirometrie festgestellt werden. Idealerweise dann, wenn die Stimmbänder gerade verkrampfen und sich verschliessen. Eine solche Untersuchung erfordert einige Erfahrung und die Bereitschaft des Patienten sich darauf einzulassen.

VCD ist eine überempfindliche Reaktion der Stimmbänder. Zunächst gibt es objektiv keinen Grund, warum diese sich verschliessen. Eine Stimmbandfehlfunktion ist somit als paradoxer Schutzreflex zu deuten. Die Gründe können physischer und/oder psychischer Natur sein.

Kommt es zu einer Atemnot durch eine Stimmbandfehlfunktion sind meist mehrere Faktoren auszumachen:

Organischen Gründen: der Rückfluss der Magenflüssigkeit (Reflux) und eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis). Der Säurerückfluss aus dem Magen oder das Sekret aus der Nasennebenhöhle führen zu einer Irritation der Stimmbänder.

Neurologische Ursache: Recurrensparese (einseitige oder beidseitige Stimmbandlähmung), ein hypersensibler Kehlkopfbereich und eine krankhafte Veränderung der Hirnrinde (Kortex).

Psychische Ursachen: Emotionaler Stress ausgelöst durch Verlust, einschneidende Veränderung, verbale und körperliche Verletzungen, Missbrauch, Mobbing und hohes Leistungs- und Anspruchsdenken.

Besonders in Lebensphasen in denen sich die Stressfaktoren häufen, reagiert der Körper bzw. die Stimmbänder auf diese Anspannung.

Andererseits macht die Tatsache an anfallsartiger, unklarer Atemnot zu leiden schon erheblichen Stress. Deshalb ist oft nicht auszumachen, ob der Körper auf seelische Befindlichkeiten reagiert oder die Psyche auf das Soma.

VCD entzieht sich der allgemeinen Illusion, alles sei mit den chemischen und technischen Mitteln der modernen Medizin zu heilen. Kann der Reflux oder die Sinusitis noch mit der Gabe von Medikamenten weitgehend unterdrückt oder geheilt werden, so sind bei einer eingetretenen Überempfindlichkeit der Stimmbänder und den psychosomatischen Komponenten andere Behandlungsmethoden angesagt. Oder wie schon Sigmund Freud es ausdrückte:"Das Symptom hat eine Geschichte."

Zunächst sollte durch Aufklärung die Angst vor und während eines Anfalls abgebaut werden. Es muß Ursachenforschung betrieben werden, da eine VCD ein Ausdruck dafür ist, dass im Körper oder in der Psyche etwas aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Sind die Gründe eingegrenzt oder erkannt kann ein individueller Therapieplan erstellt werden.

Eine große Rolle spielt die richtige Atem- und Stimmtherapie und deren Umsetzung im Alltag. Durch Sport und Bewegung kann das Vertrauens in den eigenen Körper und die eigene Leistungsfähigkeit wiederlangt werden. Die Bearbeitung der seelischen Probleme und das Erlernen und Ausüben von Entspannungstechniken helfen über die psychischen Ursachen und Folgen einer Stimmbandfehlfunktion hinweg zu kommen.

Weitere Informationen über Ursachen, Diagnose und Therapiemöglichkeiten bieten:
der "VCD Newsletter" des Klinikums Berchtesgadener Land und
der "VCD Artikel" der Hochgebirgsklinik Davos Wolfgang.

Literaturhinweise unter Bibliographie