Chronologie einer VCD-Erkrankung - die Turbovariante

von Marianne Krommer

Die ersten Anzeichen - unklarer Husten und Atemnot

Es war der 1. Juli 2002. Der erste Tag meines Urlaubs. Endlich Ferien auf der Insel. Leider war wohl eine kleine Erkältung im Anzug. Ich fühlte mich nicht sonderlich krank - Zigaretten und Alkohol schmeckten noch. Abgesehen von einem hartnäckigen Husten war alles bestens. Nach einer Woche Nordsee hatte sich der Husten immer mehr verschlimmert. "Ist wahrscheinlich das Reizklima hier!" An einem besonders windigen Tag, der die feuchte Seeluft landeinwärts trieb, konnte ich den Husten kaum mehr beherrschen.

Die Zeit auf Spiekeroog war zu Ende und wir fuhren zurück nach Bremen. Nach einer etwas feuchtfröhlichen Nacht, hatte ich den ersten massiven Atemnotanfall. Es war die Nacht vom 9. auf den 10. Juli. Ich fuhr noch am gleichen Tag zurück, weil mich dieses Erlebnis des Fast-Erstickens sehr verunsicherte.

Donnerstag, den 11. Juli saß ich dann beim Lungenfacharzt. Die üblichen Untersuchungen und der Lungenfunktionstest ergaben keine besonderen Auffälligkeiten. Ich wurde mit einem leichten Asthmaspray und einem Akutspray nach Hause geschickt und sollte Anfang der nächsten Woche wieder kommen. Über das Wochenende steigerten sich die Erstickungsanfälle auf vier Mal pro Nacht. Weder das leichte Asthmaspray noch das Akutspray taten ihre Wirkung. Im Gegenteil, als ich das Akutspray benutzte, hatte ich zwar das Gefühl, daß sich etwas entspannte, aber in der falschen Röhre. Das Gefühl einer aufsteigenden Flüssigkeit, Schleim, Schaum oder was immer in meiner Luft- oder Speiseröhre war, wurde durch das Spray noch schlimmer.

Phänomenologie eines Anfalls

Die nächtlichen Anfälle liefen immer nach dem gleichen Prinzip ab:

Ich wachte aus dem Schlaf auf, weil ich stark husten mußte. Nach zwei/drei Hustenstössen bekam ich einen Anfall von Atemnot, bei dem ich das Gefühl hatte zu ersticken. Diese Luftnot dauerte eine gefühlte Ewigkeit aber tatsächlich wohl höchstens ein oder zwei Minuten.

Gleichzeitig mit der Atemnot hatte ich den Reflex, eine aufsteigende Flüssigkeit runterschlucken zu müssen. Ich wußte also nicht, was ich zuerst machen sollte: versuchen zu schlucken oder versuchen zu atmen. Das war alles zuviel und ich bekam mit jedem Anfall mehr Panik daran zu sterben. So plötzlich wie die Luft wegblieb, so plötzlich konnte ich auch wieder einatmen. Nach einer kurzen Phase der Verwirrtheit, endete der Spuk mit einem kräftigen Rülpsen.

Heute weiß ich, daß Magensäure in Form von Schaum die Speiseröhre hochstieg. Mein Kehlkopf wurde gereizt. Ich mußte husten und die Stimmbänder fingen an zu verkrampfen, um meine Atemwege vor der ätzenden Magensäure zu schützen.

In der Nacht zum 14. Juli saß ich das erste Mal auf der Couch und weigerte ich mich einzuschlafen. Ich hatte von Nacht zu Nacht mehr Angst vor den Anfällen. Sie kamen immer häufiger und wurden immer heftiger. Mein Rekord lag bei acht Mal in einer Nacht. So war meine logische Schlußfolgerung: kein Schlaf, keine Anfälle. Das war natürlich nicht lange durchzuhalten und ich sank immer wieder in Mikroschlafphasen. Gerade diese völlige Erschöpfung, die sich durch den Schlafentzug einstellte, förderte die Anfallshäufigkeit.

Die vorläufige Diagnose und der Dschungel des Gesundheitssystems

Am Montag Morgen saß ich, übernächtigt wie ein Häufchen Elend, wieder beim Arzt. Ich berichtete ihm von der Wirkungslosigkeit der Mittel und von meiner Angst vor dem Einschlafen. Er schaute mich nachdenklich an und erklärte mir, daß ich möglicherweise Vocal Cord Dysfunction (VCD, Stimmbandfehlfunktion) habe. Eine Krankheit, die sich schlimmer anfühlt als sie aus medizinischer Sicht ist. Nur leider könne er VCD nicht mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln diagnostizieren. Ich solle mich in dem, speziell für die Diagnose von VCD ausgerüsteten, Klinikum Berchtesgadener Land in Schönau am Königsee untersuchen lassen. Dies hätte für mich sechs Stunden Fahrt mit dem Zug in sehr schlechter körperlicher und mentaler Verfassung bedeutet. Ich war inzwischen schon so aufgeweicht, daß ich zu (fast) allem bereit war - wenn nur diese Anfälle vorübergehen würden. So begann meine Odyssee durch unser reformiertes Gesundheitssystem, mit seinem Zuständigkeitsdschungel und Machtspielchen, in dem ich als Patientin fast verloren gegangen wäre.

Von Klinikseite aus gab es ein OK, daß ich in den nächsten Tagen ein Bett bekommen könne, vorausgesetzt die Krankenkasse übernimmt die Kosten. Die Antwort meiner Krankenkasse war "Nein", keine Übernahme der Kosten, da kein Vertrag mit der Klinik besteht. Konnte man früher noch mit der Kasse verhandeln, um in die Klinik seiner Wahl zu kommen wenn man einen Teil der Kosten selbst trägt, ist das heute nicht mehr möglich. Außerdem besteht nach Auskunft des ärztlichen Dienstes kein Grund für einen "Ausflug" (O-Ton) an den Königsee, da man diese Krankheit in jeder Uniklinik diagnostizieren könne. Ich solle doch nach Frankfurt oder Heidelberg gehen.

Alles nur Nervosität

Freitag den 19. Juli stand ich in der Uniklinik Frankfurt Abteilung HNO. Eine Ärztin im Praktikum untersuchte mich - so wie sie es gelernt hatte. Leider kam sie mit Ihrem Untersuchungslöffelchen meinem Kehlkopf zu nahe. Dieser taktile Reiz genügte schon, um mich in einen massiven Erstickungsanfall zu katapultieren. Ich mußte würgen, husten und schon war die Klappe zu. Die Gute wußte nicht, was sie mit mir machen sollte und öffnete erst mal die Tür. Gleich standen mehrere Schwestern um mich herum, die meinten ich solle mich doch beruhigen. "Ich war am Ersticken und die reden von beruhigen." Nach diesem Anfall diagnostizierte die junge Ärztin, ich sei ein Fall von Nervosität und Überempfindlichkeit. Ich kam mir dann völlig diskreditiert vor, als sie mit der nun hinzugezogenen Oberärztin über mich zu flüstern anfing. In ihrem Kurzbericht war kein Wort über den massiven Atemnotanfall zu lesen.

Wir schieden jedenfalls in herzlicher Abneigung zueinander: Ich hatte ihren schön auswendig gelernten Untersuchungsablauf durcheinandergebracht und sie mit meinem Anfall völlig überfordert. Sie gab mir eine Ahnung davon wie es ist als Simulantin, Hypochonder, Sensibelchen oder einfach Gaga angesehen zu werden. Ich war der Verzweiflung nahe. Wie sollte ich das Wochenende überstehen? Ich hatte bis zu acht Anfälle in der Nacht und ich merkte, dass ich auch am Tage nicht mehr davon verschont blieb.

Die erste ordentliche Untersuchung und ein niederschmetterndes Ergebnis

Am Montag, den 22. Juli schrieb ich einen sehr ernsten Brief an meine Krankenkasse. Ein solches Vorgehen war in meinen Augen ineffektiv, teuer und hätte mich Wochen gekostet. Ich sollte nach Empfehlung der Ärztin an der Uniklinik Sprachspezialisten, Radiologen, Gastroenterologen, Psychologen konsultieren. Jeder Kassenpatient kann ein Lied davon singen wieviel Zeit vergehen kann bis man Termine bekommt. (Ich hatte meinen ersten Untersuchungstermin drei Wochen später). Meine "nervöse" Atemnot wurde durch ein solch langwieriges Vorgehen nicht besser. Für mich war das unterlassene Hilfeleistung. Ich fühlte mich völlig alleingelassen mit meiner Erkrankung.

Schließlich ließ man sich auf einen Kompromiß ein: Ich wurde in die Deutsche Klinik für Diagnostik (DKD) nach Wiesbaden überwiesen - per Eilverfahren. Immerhin ist hier alles unter einem Dach und wird zentral koordiniert, so daß die zahlreichen Untersuchungen an drei kurz aufeinander folgenden Tagen durchgeführt werden konnten. Ich fiel in die Zuständigkeit der Pneumologie. Hier konnte die Ärzte mit dem Krankheitsbild VCD etwas anfangen. Sie legten mir gleich zu Beginn nahe, falls sich der Verdacht erhärte, solle ich in jedem Fall versuchen nach Berchtesgaden zu kommen. Dies sei zur Zeit die erste Adresse für VCD. Nach der Untersuchungsreihe deutete alles auf eine Stimmbandfehlfunktion hin. Die Ursache war wohl ein Reflux und eine dadurch eingetretene paradoxen Überempfindlichkeit der Stimmbänder. Der Arzt erklärte mir die möglichen Zusammenhänge und die Tatsache das so ein Anfall Todesängste auslöst. Medizinisch gesehen gibt es keinen Grund in Panik zu verfallen. Selbst bei einem Anfall würde noch genug Luft zur Verfügung stehen. Ich glaubte ihm - weil er mir glaubte.

Bis dahin ging ich von einem organischen Leiden aus. Jedoch im Abschlußgespräch wurde ich mit der Diagnose "traumatische Biographie mit beruflicher Kränkung" konfrontiert. Zwar deutete mir mein Hausarzt schon an, dass ich vielleicht mal darüber nachdenken solle, was in letzter Zeit nicht so gut gelaufen sei. Ich habe jedoch den Gedanken, an eine psychische Komponente für meine Erkrankung, weit von mir gewiesen. Psychosomatisch reagieren nur die Anderen. Nun mußte ich erkennen, daß ich wohl ein Mobbingopfer geworden war. Welch eine Niederlage: Man hatte mich auf ganz subtile Art kaltgestellt, indem man meine wunden Punkte zielsicher getroffen hatte. Ich tobte, schwor Rache und heulte. Es war ja nicht nur die Annahme, auf Grund stressiger Arbeitsverhältnisse krank geworden zu sein, mich holte auch die Vergangenheit wieder ein. Oder wie mein Hausarzt so treffend meinte: "Da ist so schön Gras über den Müllhaufen gewachsen und nun kommen so ein paar Kamele und fressen das Gras einfach weg."

VCD bestimmt zunehmend mein Leben

Die Anfälle, die anfangs nur Nachts aufgetreten sind, bekam ich ab August auch tagsüber. Ich war völlig übermüdet und konnte gerade mal ein Stockwerk hoch laufen, bevor ich in Husten ausbrach. Jede kleine Anhöhe führte dazu, dass ich vom Fahrrad absteigen mußte. Mit Schwimmen war auch Essig. Die Vorstellung im See einen Anfall zu bekommen und es nicht mehr rechtzeitig an Land zu schaffen, lies mich auch darauf verzichten. Zum Stadtbummel hatte ich zwar jetzt Zeit - ich war seit 11.07. krankgeschrieben - traute mich aber kaum in Kaufhäuser. Ich fand den Gedanken in der Öffentlichkeit eine Atemnot zu bekommen unerträglich. An Abends ausgehen war nicht mehr zu denken, da ich den Kneipengeruch nicht ertragen konnte.

Ich schlich nur noch durch's Leben. Ruckartige, schnelle Bewegungen wie Aufspringen und ans Telefon rennen verursachten direkt einen Anfall. Versuche den Husten einfach nicht zu beachten, führten mit ziemlicher Sicherheit zu einem Anfall. Ich hatte Wut im Bauch und kein Ventil um diese loszuwerden. Der Umgang mit mir wurde immer schwieriger. Ich zog mich immer mehr zurück, hing nur noch lethargisch in der Gegend herum oder war aggressiv und nervös.

Versuche der Eigentherapie

Ich wußte schon eine ganze Weile nicht mehr was ich noch tun konnte. Warten gehört nicht zu meinen Tugenden. Ausser den vielen Untersuchungen und gutem Zureden war bis dahin nichts Konkretes gemacht worden um meinen Zustand zu verbessern.

Schon Ende Juli hatte ich mir eine Eigentherapie verordnet: Keine Zigaretten (die vertrug ich eh schon eine Zeit lang nicht mehr), keinen Alkohol, kein spätes, schweres Essen. Nach drei Wochen auf der Coach bin ich wieder ins Bett umgezogen. Nun hochgebockt mit drei Kissen im Rücken und immer ein kleines Handtuch griffbereit. Dieses Handtuch habe ich mir, während der Hustenanfälle, fest auf den Mund gepresst. Zum einen um die Lautstärke zu dämpfen, zum anderen um die Gewalt des Luftausstoßes zu bremsen. So konnte ich mit Unterbrechungen wieder schlafen.

Diese Maßnahmen hatten zumindest den Erfolg, dass ich meine zahllosen großen und kleinen Anfälle auf zwei nächtliche und ca. vier am Tag zurückschrauben konnte. Das hatte sich dann so eingependelt und über die Wochen bis zu meiner Abreise nicht mehr verändert.

Der Weg zum REHA-Antrag

Mitte August ging ich noch mal zum Angriff über. Ich erschien persönlich bei der Geschäftsstelle meiner Krankenkasse. Der Leiter begrüßte mich schon mit den Worten "Ich habe schon befürchtet, daß Sie hier eines Tages auftauchen werden." Ich schilderte nochmals mein Anliegen, doch endlich in eine Spezialklinik zu kommen. Die Antwort war weiterhin: "Kein Bettenkontingent." Nicht mit uns.

Ende August, ich war schon über sechs Wochen krank geschrieben und die Krankenkasse mußten Krankengeld für mich bezahlen, gab es wieder einen Hoffnungsschimmer. Es wurde ein Eilantrag für die Kostenübernahme zu einer Rehamaßnahme an die Bundesanstalt für Angestellte (BfA) gestellt. Anfang September hatte ich die Zusage, das ich an einer Rehabilitation teilnehmen dürfe. Am 12.09. gab es die Zusage aus dem Klinikum Berchtesgadener Land, daß ich kommen könne. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Das Therapieprogramm 

Am 25.09. bin ich dann endlich in Schönau angekommen. In den ersten zwei Wochen hat sich mein Zustand verschlechtert. Dies ist sicher auch darauf zurückzuführen, daß ich endlich am Ort meiner Wahl angekommen war und mich entspannen konnte. Je mehr die Anspannung von mir abfiel, um so deutlicher zeigte sich wie "runtergehuddelt" ich physisch und psychisch inzwischen war. Mein Ziel war es jedenfalls nicht eher wieder abzureisen bis es mir wieder einigermaßen gut ging. Das hat dann sechs Wochen gedauert.

Ich bekam das Rundum-Aufbauprogramm verpaßt:

Sporttherapie: Um wieder zu merken, daß ich immer noch mehr machen konnte als ich mir zutraute und um mich wieder körperlich aufzubauen.

Atemtherapie: In der ich verschiedene Atemtechniken lernte, Hustenvermeidungsstategien um nicht mehr dauernd zu husten, wie ich wieder drei Stockwerke hochkomme, wie ich einen Anfall abfangen kann.

Massagen und Moorpackungen: Um meine Verspannungen im Hals und im Rücken zu lösen.

Entspannungstechniken: Damit ich innerlich ruhiger werde

Psychotherapie: In der ich die Ereignisse, insbesondere meine problematische Arbeitssituation, sortieren und besprechen konnte und wieder mehr Selbstvertrauen in mich und meine Leistungsfähigkeit bekomme.

Zudem wurde durch das dort angewendete Verfahren der Endospirometrie das nach wie nur vermutete Krankheitsbild VCD bestätigt.

Das AHA-Erlebnis

Zugegebenermaßen konnte ich in den ersten beiden Wochen noch nicht viel mit der Atemtherapie anfangen. Mir war nicht so ganz klar was das werden sollte. Es kam auch nicht wirklich zu einer Besserung sondern ich hustete mehr den je. Nach und nach fing ich an die Atemtechnik der Bauchatmung bei den sportlichen Aktivitäten anzuwenden und das Tempo beim Radfahren oder Schwimmen der Atmung anzupassen.

Schwamm ich beispielsweise anfangs nicht mal eine 20m Bahn ohne danach mit Hustenanfall an der Bande zu hängen, ging das bald recht gut. Es war zwar kein schneller Sprint möglich aber ein kontinuierliches zügiges Schwimmen. So hatte ich nach und nach meine kleinen Erfolgserlebnisse.

Nach drei Wochen Atemtherapie bekam ich Nachts einen "großen" Anfall. Direkt aus dem Tiefschlaf heraus. Kurzes Husten und schon merkte ich wie die Stimmbänder verkrampften. Jetzt konnte ich das was mir erklärt und beigebracht wurde ausprobieren. Dies war keine Trockenübung mehr - der Ernstfall war eingetreten. Also: Keine Panik schieben, atemerleichternde Stellung einnehmen, gähnendes Einatmen durch die Nase, langsam wieder mittels Lippenbremse ausatmen, möglichst ruhig und gleichmäßig atmen - und es funktionierte. Bevor die "Klappe" ganz zuging und die Atemnot sich verschärfte gingen die Stimmbänder wieder langsam auf. Sie entspannten sich. Ich konnte wieder normal einatmen.

Ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Von dem Tag an war der Spuk vorbei. Ich hatte wieder das Gefühl meine Stimmbänder zu beherrschen und nicht hilflos diese Atemnot über mich ergehen lassen zu müssen. Durch die Magentabletten (Protonenpumpenhemmer) hat sich der Husten stark reduziert und ich hatte schon blad nach der ersten Einnahme keine Erstickungsanfällen mehr. Bis heute hatte ich nur noch einen großen Anfall.

Die Gründe für meinen Therapieerfolg

Die Therapie hat bei mir angeschlagen hat und ich fast beschwerdefrei. Die Gründe dafür sehe ich in:

Drei Dinge beherzige ich:
1. Immer schön locker bleiben im Hals und Schulterbereich.
2. Nur nicht Hetzen lassen. Meine Atmung bestimmt das Tempo dessen was ich tue - nicht das Tempo das mir vorgegeben wird bestimmt meine Atmung.
3. Nicht über Dinge aufregen die es nicht Wert sind. Lieber tief durchatmen und die Szenerie verlassen.

Mein persönliches Giftschränkchen

Nachdem ich über drei Monate ohne wesentliche Atemnotanfälle verbracht habe und insgesamt ein normales Leben geführt hatte, mußte ich leider festellen, dass meine Stimmbänder noch nicht so stabil sind wie ich gehofft habe. Ein aufregendes Ereignis ließ mir "die Galle hochsteigen". Meine Magentabletten hatte ich nicht zur Hand und schon merkte ich das altbekannte "Kloßgefühl" und Kratzen im Hals. Eine Erkältung gab mir dann noch den Rest. Ich mußte tief in meine Trickkiste greifen um keine großen Anfälle zu bekommen. Es hat mich drei Wochen gekostet, bis ich wieder hergestellt war. Erkältung, unnötige Aufregung, mein impulsives Temperament, Zigaretten und Alkohol haben sich als die Komponenten herausgestellt, die ich am besten vermeiden sollte. Ich arbeite daran.

Das Jahr danach

Der Beginn der Erkrankung oder das Ausbilden des Symptoms VCD ist nun ziemlich genau ein Jahr her. War ich nach meiner Reha stabilisiert und weitgehend anfallsfrei, fühle ich mich nun auch psychisch wieder auf der Höhe. Ich habe zwar immer mal wieder ein "ziehen" im Hals und merke meine Stimmbänder unter bestimmten Bedingungen noch. Allerding achte ich auch mehr auf Anzeichen, die einem Stimmbandkrampf vorausgehen könnten. Jedoch habe ich nicht mehr die Angst, daß sich meine Stimmbänder verselbstständigen könnten, sondern ich kann dagegen steuern.

Seit Anfang des Jahres mache ich eine Psychotherapie, damit mir sowas nicht nochmal passiert. Zudem hatte sich durch meine "Niederlage" und die darauf folgende Erkrankung eine regelrechte Identitätskrise eingestellt.

In der Psychotherapie gab es ein sehr beeindruckendes Erlebnis, dass die Vermutung einer somatischen Reaktion auf psychischen Streß bestätigte. Bei einer Sitzung in der meine Psychotherapeutin eine Form von Traumatherapie anwandte - die sogenannten Mandelkerne (Amygdala) wurden aktiviert - gingen mir die Stimmbänder zu.

Es hat den ganzen Nachmittag gedauert bis sich der Zug auf die Stimmbänder wieder beruhigt hat. Zudem war ich eine Woche lang in einer Phase ziemlicher Verwirrtheit. Von da an hatte ich immer wieder Tage, an denen ich aus heiteren Himmel weine. Ich fühlte mich nicht depressiv, mir schossen nur verschiedene, lange zurückliegende Situationen in den Kopf und die Tränen gleich hinterher.

Ich deute und fühle das es eine Katharsis ist. Ich kann jetzt die Tränen weinen, die ich bei oder nach den traumatischen Erlebnissen in meiner Jugend nicht habe vergießen können. Die Schicksalschläge die ich noch bis vor kurzem sehr deutlich - zu deutlich - vor meinem geistigen Auge hatte verblassen zunehmend und werden Geschichte.

Wie es zu meiner VCD kam - meine Interpretation

Die Ereignisse, die letztendlich zum Verkrampfen der Stimmbänder geführt haben, kann ich nun anders einordnen und in einem Zusammenhang sehen. War es vor einem Jahr noch völlig überraschend und niederschmetternd das ich VCD bekam, kann ich es jetzt zumindest akzeptieren. So wie es sich für mich darstellt war es, wie meist bei einer Stimmbandfehlfunktion, multifaktorell.

Rückblickend stellt sich für mich der Ablauf so da:

Zwei Jahre lang bin ich mit einem vereiterten Backenzahn herumgelaufen den ich mir endlich im Juni 2002 habe ziehen lassen. Im April 2002 gesellte sich noch eine starke Virusinfektion im oberen Atemwegsbereich dazu, infolge derer ich zwei Wochen nicht sprechen konnte.

Nach meinem Studium suchte ich gut ein halbes Jahr nach einer adäquaten Erwerbsarbeit. Endlich hatte ich etwas gefunden das mir auch gefallen hat - Ausbilderin für zwölf quirlige Jugendliche. Dies bedeutete viel Reden und manchmal auch laut reden. Als "Neue" engagiert und voller Ideen konnte man mir jede Überstunde oder Anforderung aufbrummen. Ich habe mich überfordern lassen ohne zu protestieren. Wollte aufsteigen und engagierte mich noch mehr. Ausbremsversuche von Kollegen quittierte ich mit Achselzucken. Ich dachte mir kann keiner was und wollte mit dem Kopf durch die Wand. Je größer der Widerstand desto mehr rannte ich dagegen an. Versuche eine andere Arbeitstelle zu bekommen scheiterten. Letztendlich machte man mir von Seiten der Leitung klar, daß ich an eine besser dotierte Stelle nicht kommen werde. Ich kann gerne dort bleiben wo ich bin - aber nicht mehr. Man hat mich fallengelassen.

Bei dieser ganzen Mobbingaktion wurden alte Wunden, vernarbte Stellen und Stachel, die immer noch in meiner Psyche stecken, stimuliert. Mit vierzig Jahren Lebenserfahrung hat man so manche wunde Stelle - dafür braucht man keine traumatische Biographie. Nachvollziehbar für mich ist jedoch, dass mit einer problematischen Lebensgeschichte so manche Wunde überempfindlich auf bestimmmte Stimulationen ist. Bei mir wurde das Salz in die "richtigen" Stellen gestreut.

Dieser emotionale Stress hat dazu geführt, dass mir meine Magensäure hochstieg. Bei dieser Arbeitssituation konnte einem auch wirklich die "Galle hochzsteigen". Das Refluxproblem - das ich nicht wahrgenommen habe - hat sich sicher noch verschärft, weil ich versucht habe, den Stress mit Zigaretten und dem einen oder anderen Bierchen zuviel, zu kompensieren. Wobei ich an dieser Stelle noch hinzufügen muß: ich hatte nicht nur massive Atemnotanfälle und Dauerhusten, sondern auch eine "Dauermenstruation" von sieben Wochen. Dies führte zu einem akuten Eisenmangel, der wiederum den Sauerstofftransport in meinem Blut hemmte.

In der Retrospektive gab es noch eine Auffälligkeit. Ich habe eigentlich den Hang zum Grübeln. Ich denke oft wochen- oder gar monatelang über Dinge nach - bis ich sie entweder verdaut oder ausgespuckt habe. Nur damals ging ich in meinen Urlaub und ich sinnierte nicht mehr über meine Arbeit nach. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, daß ich doch toll entspannen kann. Weit gefehlt wie ich heute weiß: Der Kloß blieb mir im wahrsten Sinne des Wortes im Halse stecken.

Ich bin sozusagen der "Klassiker" unter den VCD-Betroffenen. Auf mich treffen viele in der Literatur beschriebenen Parameter für einen solchen körperlichen Crash zu. Mein Körper respektive meine Stimmbänder haben auf vergangenen und aktuellen physischen und psychischen Stress reagiert und mir eine Vocal Cord Dysfunction beschert.